
„Das fünfte Element“ von Luc Besson: Ein Sci-Fi-Rausch, der dir das Hirn wegbrennt
Ich hab Das fünfte Element damals bei der Premiere im größten Kino Frankfurts gesehen – und ja, das hat mein Sehverhalten nachhaltig verformt. Nicht im Sinne von „Ich schau jetzt nur noch Sci-Fi“, sondern eher: „Warum zur Hölle schaffen es so wenige Filme, so viel Style, Chaos, Herz und Größenwahn in zwei Stunden zu pressen?“ Luc Bessons Wahnsinnswerk ist nicht einfach ein Film. Es ist ein visuelles Ausrufezeichen, ein Orchester aus Farben, Sound und Kostüm, das einem die Netzhaut liebevoll zertrümmert.
Was zur Hölle passiert hier eigentlich – und warum funktioniert’s trotzdem?
Fängt an in Ägypten. 1914. Dann – Zack! – 2263. Ein mies gelaunter Ex-Militär fährt Taxi, bis ihm buchstäblich Milla Jovovich in die Karre fällt – halb Frau, halb Alien, ganz Problem. Der Rest? Eine Schnitzeljagd durchs Universum auf der Suche nach vier Steinen und dem fünften Element, das natürlich Liebe ist. Klingt kitschig, ist es auch – aber sowas von geil erzählt, dass du irgendwann einfach aufhörst, Fragen zu stellen.
Die Story ist ein wildes Durcheinander aus Indiana-Jones-Mystik, Sci-Fi-Geballer, französischer Theaterposse und Teenager-Romcom. Und trotzdem funktioniert es. Warum? Weil Besson das Ganze mit einer Selbstverständlichkeit inszeniert, als hätte er schon als Kind mit Moebius-Designs gespielt und im Sandkasten Éric Serra gehört.

Von Schrotthändlern, Göttern und Bruce im Unterhemd
Bruce Willis ist hier auf Peak-Willis. Der Typ sagt vielleicht nicht viel, aber jede Falte in seinem Gesicht erzählt mehr als zehn Marvel-Monologe. Korben Dallas ist der letzte Mensch, dem du zutraust, das Universum zu retten – und genau deshalb kaufst du’s ihm ab.
Leeloo ist… wie sagt man’s am besten? Eine Heilige im Gaultier-Fummel, die „Multipass“ sagt und dabei ikonischer wirkt als alles, was Hollywood seitdem auf die Beine gestellt hat. Milla Jovovich spielt das mit so viel Seele, dass man fast vergisst, wie absurd ihr Text teilweise ist. Ihre Wandlung von naivem Alienwesen zur emotional überforderten Weltenretterin – das trifft härter als jeder Plot-Twist.
Und dann Gary Oldman als Zorg. Ein Tech-Diktator mit Lispel, Halbglatze und mehr modischem Selbsthass als Jeff Bezos in Drag. Der Typ ist wie ein Bond-Bösewicht, nur mit deutlich weniger Ernst und zehnmal mehr Stil. Dass er Bruce nie persönlich trifft? Genialer Move. Die Zerstörung kommt hier von innen.
Und Chris Tucker? Alter. Entweder du liebst Ruby Rhod oder du bist langweilig. Punkt.
Als hätte sich ein Designer auf LSD verirrt – und es ist großartig
Dieser Film sieht aus wie der feuchte Traum eines 80er-Jahre-Comiczeichners auf Speed. Neon, Latex, Retro-Futurismus und alles, was Jean Paul Gaultier im Keller noch übrig hatte. Es ist keine Zukunft, die logisch erscheint – aber es ist eine, die lebt. Und die atmet. Und die laut „fuck realism“ schreit.
Fliegende Autos zwischen Wolkenkratzern, Mönche mit Geheimnissen, Aliens mit Opera-Voice und der absurdeste Weltraumkreuzer seit Spaceballs. Man merkt, dass hier Comic-Legenden wie Moebius und Mézières am Werk waren – aber im Gegensatz zu Hollywood-Sci-Fi ist das hier keine Dystopie, sondern eine Revue.

Dieser Score haut dich weg
Éric Serras Soundtrack ist für mich bis heute ein Highlight im Sci-Fi-Genre. Elektronik, Weltmusik, klassische Einflüsse – und dann dieser Opernmoment mit der Diva Plavalaguna. Gänsehaut. Der ganze Kinosaal war damals still. Nur der Bass hat gewummert, als hätte mir jemand das Herz rebootet.
Der Score macht genau das, was ein Soundtrack soll: Er nimmt dich mit, aber nie nur als Untermalung. Er ist Teil der Handlung. Er ist Stimmung. Er ist Gefühl.
Zwischen Weltraumkrieg und Liebeserklärung an das Menschsein
Ja, ja, am Ende geht’s wieder mal um die Liebe. Aber Besson verkauft dir das nicht mit Hollywood-Schmalz, sondern mit einem verstörend schönen Kontrast: Leeloo sieht sich die Geschichte der Menschheit an – und was findet sie? Krieg. Hass. Gewalt. Und trotzdem entscheidet sie sich zu retten, was wir sind. Nicht, weil wir’s verdienen, sondern weil wir’s brauchen.
Kitsch? Vielleicht. Aber verdammt, es funktioniert. Gerade weil es zwischen all dem Bombast ehrlich bleibt.

Blade Runner trifft auf einen Kindergeburtstag bei David Bowie
Wenn Blade Runner ein Philosophiestudent ist, ist Das fünfte Element sein durchgedrehter Cousin, der beim Familienfest LSD geschmissen hat. Der Film ist knallbunt, laut, überladen – und hat null Bock, sich zu rechtfertigen. Er ist mehr Barbarella als Matrix, mehr Monty Python als Star Trek.
Und genau deshalb liebe ich ihn. Weil er einfach macht. Weil er nicht versucht, cool zu sein – sondern es einfach ist.
Mehr Film geht nicht
Das fünfte Element ist wie eine Space-Oper, die dir das Herz raubt und gleichzeitig deine Netzhaut mit Neonlicht grillt. Es ist dumm. Es ist klug. Es ist albern. Es ist wunderschön. Und es ist mutig – mutiger als 99 % der Sci-Fi-Stangenware, die uns heute verkauft wird.

5 von 5 – und wenn ich könnte, würd ich dem Ding auch 6 geben. Weil es mich daran erinnert hat, warum ich Kino liebe. Und weil es sich einfach traut, anders zu sein.
Also: Multipass einpacken, 4K Blu-ray rein, Hirn ausschalten, Herz an – und genießen.